Die Glasglocke
von Sylvia Plath

Ein Buch, dass in der Literatur als exemplarisch für depressive Zustände gilt. Depression als Glasglocke die sich über dich und dein Sein stülpt.

Ester Greenwood ist eine sehr erfolgreiche Studentin, die durch ihre Leistungen die Möglichkeit erhält, in New York für ein Magazin zu arbeiten. Sie stolpert dadurch in eine völlig neue, ihr fremde Welt und hat Schwierigkeiten sich anzupassen. Sie verliert ihren Antrieb, gerät in Sinnlosigkeitserleben und rutscht immer weiter in ein Loch der Trauer und Depressivität.

Tragen für die Erzählung ist das Bild des Feigenbaums, das die Endgültigkeit von Entscheidungen verdeutlichen soll. Das Bild hat direkt eine depressive Färbung, die Entscheidung entspricht einer gepflückten Feige und alle anderen Feigen (Entscheidungsmöglichkeiten) verschwinden. Es wird nicht besprochen, dass Entscheidungen reversibel sind, dass man bemerken kann dass Entscheidungen nicht hilfreich waren und man vieles unternehmen kann, um Zustände zu erzeugen die dem ursprünglichen ähneln.

Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.

Ester kann sich nicht entscheiden, verhaftet in Lethargie und vergibt so alle Möglichkeiten.

Die Erzählung ist gnadenlos ehrlich und direkt. Die Sprache ist so bildhaft und greifbar. Die Sätze von Plath sind so fein. Sie wirken geschaffen, geschliffen, konstruiert und ziehen den Leser mit in Esters Realität. Sylvia Plath nutzt die Figur der Ester als Alter-Ego, verarbeitet mit ihr die Depression in der sie selbst verfangen war und die sie nicht überwinden sollte. Plath gewann ebenso wie die Figur einen Wettbewerb und arbeite für kurze Zeit für die Zeitschrift Mademoiselle in New York. Sie beging mit 21 Jahren einen gescheiterten Suizidversuch nach diesem Aufenthalt. Zehn Jahre später wählte Plath den Freitod. Hinweis auf den autobiografischen Gehalt gibt auch die Fotografie von Plath auf dem Cover.

Fazit: Ein Buch, dass den Leser nachfühlen lässt, wie eine Depression sich unbemerkt ausbreiten kann. Fesselnd und sehr besonders, aber auf keinen Fall ein Wohlfühl-Buch.


262 Seiten, erschienen bei Suhrkamp unter ISBN-13 978-3518456767 9,- €
Originaltitel: The Bell Jar Übersetzung: Reinhard Kaiser